Leben und Reisen war teuer. Ein weiteres Jahr der Studienzeit, vor allem in den Semesterferien, jobbte ich in einer Schlosserei im heimatlichen Münster, was ich schon als Schüler gemacht hatte. Die gesamte Studienzeit über war ich außerdem als Lokalreporter für den „Trierischen Volksfreund“ unterwegs. Für 15 Pfennig (später 20) die Zeile und 10 Mark pro Bild verfasste ich in jener Zeit über 400 Artikel. Tatsächlich vom Bericht über den sprichwörtlichen Kleintierzuchtverein in einem Trierer Vorort bis zur Kritik eines Gastspiels von Hanns Dieter Hüsch oder Gert Dudenhöfer in der „Tuchfabrik“. Das Besondere waren dabei die Begegnungen hinter der Bühne mit manch faszinierendem Menschen.
Finanziell war das alles eher nicht so doll. Aber ich lernte flott und auf den Punkt schreiben. Und, soweit noch erforderlich, mir für nichts zu fein zu sein. Gesehen wurde ich natürlich auch.
Eine lange Rushhour des Lebens
Ab November 1990, wenige Tage nach Hochzeit und Examen, begann ich in Frankfurt meinen Brotberuf als Finanzredakteur und Konjunkturanalyst bei den „F.A.Z.-Informationsdiensten“. Jene waren ein noch junger Versuch, die noble britische „Economist Intelligence Unit“ nachzubauen. Was dabei entstand, wurde 1998 mit anderen F.A.Z.-Töchtern zum F.A.Z.-Institut verlötet.
Geldverdienen wurde höchste Zeit. Die Gründung einer Familie zeichnete sich im Bauch meiner Frau deutlich ab. Im März 1991 begann mit der Geburt von unseren wunderbaren Zwillingen die Gründung einer großen und immer größer werdenden Familie (bis heute, im Januar 2025, im Patchwork sieben Töchter, die jüngste aus 2016, sowie sechs Enkel).
1994 bis 1998 berufsbegleitend an der Uni Frankfurt die Promotion nachgeholt, die eigentlich direkt ans Studium hatte anschließen sollen. Doch das schon gewonnene Promotionsstipendium mit seinen 1.500 Mark hätte seinerzeit vielleicht für zwei gereicht, aber gewiss nicht für viere …
2001, nach Jahren wachsender Ungeduld, aus der Position des „Chefredakteurs“ im F.A.Z.-Institut der Sprung in die Selbstständigkeit als Redaktionsbüro. Aus einem redaktionellen Dienstleister wurde über die Jahre ein zunächst kleiner, dann mittelständischer Verlag von Finanzfachpublikationen, eng an den ehemaligen Arbeitgeber F.A.Z.-Gruppe angelehnt. Das F.A.Z.-Institut war damals gesegnet mit drei (!) Geschäftsführern. Ich wollte weniger Chefs haben, mehr Chef sein, mehr Beinfreiheit, Familie und Job irgendwie räumlich zusammenführen – und ich wollte, ehrgeizig wie ich war, auch mehr vom Kuchen.
O-Ton meines Vaters zur Selbstständigkeit: „Bist Du vollkommen verrückt geworden?“ Zu Beginn der Selbstständigkeit hatten wir schon vier Kinder in die Welt gesetzt und uns gerade in Dauernheim ein großes, altes Haus gekauft. Wir waren bis über beide Ohren verschuldet und neben Beruf, Familie und Haus durch nächtliches Redenschreiben als Zubrot sehr gut eingespannt.
Die Bedeutung des Satzes „timing matters“ musste kurz darauf auf die harte Tour erlernen. Der Beginn meiner Selbstständigkeit (übrigens gemeinsam mit vier absolut wunderbaren Junior-Partnern) fiel in die Phase der platzenden „DotCom-Bubble“. Im Gründungsmonat hatte der „Neuer Markt-Index“ (wer weiß noch, was das war?) sein Allzeithoch, um in den beiden Jahren danach auf rund ein Zehntel dieses Wertes abzuschmieren. Eines der Kerngeschäfte, die wir mit der Selbstständigkeit anvisiert hatten, waren Geschäftsberichte und sonstige Investor-Relations-Services für Börsenaspiranten.
Wir gewannen 2003 Umsatz und Ertrag durch den Zukauf aus einer Insolvenz. „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“. Welcher Börsenguru hatte das noch gesagt?
Wir überlebten haarscharf und hatten danach eine gute Zeit – bis zur Finanzkrise 2008/2009. Ein erneuter Zukauf eines notleidenden Objekts (Magazin „Markt und Mittelstand“ von Springer) glich 2009 die wegbrechenden Umsätze abermals mehr als aus. Danach eine zweite gute Zeit. Die Nähe zur F.A.Z. blieb uns erhalten.
Ich wurde ab 2006 parallel angestellter Geschäftsführer im F.A.Z.-Institut und blieb geschäftsführender Gesellschafter im eigenen Fachverlag, an dem die F.A.Z. inzwischen mehrheitlich beteiligt war. Allerdings besaßen wir eine Art „Goldene Aktie“, was sich ziemlich gut anfühlte und im Alltag bewährte. Die Dinge waren und blieben bis zum Schluss eng verzahnt.
Sterne am Sachbuchfirmament
Übrigens habe ich in jenen Jahren an einigen Büchern mitgewirkt. Immerhin. Darunter so unvergessene Schätze wie der Standortführer Russland (als Herausgeber; 1995), Die Zwangsläufigkeit der Freiheit (Dissertation 1998), Globalisierung – Eine Satellitenaufnahme (als Mitherausgeber; 1998), Strategisches Aktienmarketing (Co-Autor; 2003), Die Psyche des Patriarchen (Co-Autor, 2008).
Sterne am Sachbuchfirmament. Als Ghost-Writer für ein Börsenhandbuch gewann ich sogar irgendwie indirekt meinen zweiten Literaturpreis: den Deutschen Sachbuchpreis. Unser Verlag wurde für die unsichtbare Geisterrolle gut bezahlt.
Von der 2014 angetretenen neuen Geschäftsführung der Gruppe erhielt ich bald einen Konsolidierungsauftrag für die „Nebengeschäfte“. Im Zuge dessen verkauften wir Partner unsere Beteiligung. Anschließend durfte ich erfahren, dass mir Sanierungsprojekte ebenso wenig liegen wie das Arbeiten in einem „Konzern“.
Korrekturversuch in 2017. Ich gab meinen Job und meine Beteiligung in der Medienwelt auf (in einem ungebrochen sehr guten Verhältnis mit den beiden F.A.Z.-Geschäftsführern und meiner Truppe) und startete mit meiner zweiten Frau, Melanie, das Abenteuer „Auenlandhof“ (www.auenlandhof.net). Plötzlich: Hofrenovierer, dann Land- und Gastwirt. Nix mehr dickes Gehalt, schicke Geschäftsessen, dicker Dienstwagen, zwei Sekretärinnen, die mir mein Arbeitsleben organisieren, dolle Finanzkongresse und Galaabende mit Preisverleihungen, endlose wichtige Sitzungen im „Taunuszimmer“ in der erweiterten Geschäftsleitung der F.A.Z.-Gruppe.
Nein. Jetzt: Pick-up fahren (geil!) mit einer halben Werkstatt hinten drauf sowie Materialresten für alle Fälle und den Hoflader „Heinz“, unser bestes Stück (Kipplast: 1,4 Tonnen!).
Frühstück und Mittag mit alle Mann auf der Baustelle. Schwielen, Schweiß und Muskelkater (siehe Baustellentagebuch – Auenlandhof). Siebentagewoche mit Zwölfstundentagen. Nicht mehr „bitte“, „danke“, „Herr Dr.“ und „Sie“. Sondern „halt mal“, „hol mal“, „willst du mir meinen Beruf erklären?“ (drohender Ton, wenn ich eine, wie ich fand, kluge Frage bezüglich einer denkbaren technischen Alternative stellte), gern auch „halt fest, du Affe“ oder schlicht und präzise „halt‘s Maul!“.
Selbst Schuld, wenn man sich aus Gründen der Sparsamkeit zum Universal-Bauhelfer erklärt. Und zum „ach, das muss auch ohne Architekt gehen, sind ja genug erfahrene Männer da“ neigt.
2019 im Sommer sind wir – so gerade eben pünktlich zur ersten gebuchten Hochzeitsfeier – startklar. Im März drauf legt uns Corona lahm. Nicht nur Wagemut und Begeisterung zählen. Auch, ach ja, timing matters …